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Der Poetry Slam 2004 in der Presse .01

Stuttgarter Zeitung vom 1.Juli 2004 | Katrin Strasser

Dichter suchen Nachwuchs

Deutschunterricht mal anders - Lektionen im Poetry-Slam

Rechtschreibfehler? Sie interessieren nicht. Es gilt das gesprochene Wort. So lauten die Regeln beim U20-Wettbewerb des Poetry Slams 2004, der im Oktober in Stuttgart ausgetragen wird. Erfahrene Dichter rekrutieren den Nachwuchs für den Wettstreit an Stuttgarter Schulen.

Von Katrin Strasser

Noch ist er zu, der Sack der Grausamkeiten. Tobias Borke wird sein Erfolgsgeheimnis erst später vor den Zehntklässlern des Solitude-Gymnasiums lüften. In Sachen Poetry Slam ist der freischaffende Künstler, der in Stuttgart lebt, längst Experte. Im vergangenen Jahr hat Borke beim nationalen Wettbewerb der Dichter den dritten Platz belegt, auf das Siegertreppchen hat ihn das Publikum gehoben. Denn bei einem Poetry Slam gilt es nicht die Gunst einer Jury zu gewinnen, es sind die Zuschauer, die entscheiden.

Der Schule ist Tobias Borke gerade einmal seit zwei Jahren entronnen, bei den Poetry-Slam-Workshops steht der 21-Jährige nun plötzlich selbst vorn an der Tafel. Unterrichten wolle er die Klassen 10 a und 10c allerdings nicht, versichert er den Schülern glaubwürdig. Auch wenn die beiden Deutschlehrer ihre Stunden an diesem Tag an Tobias Borke und Wehwalt Koslovsky, einen Dichterkollegen aus Hamburg, abgetreten haben.

Seinen Sack der Grausamkeiten setzt Borke nun ein, um die Jugendlichen aus der Reserve zu locken. Die Schüler sollen freiwillig zu Papier und Stift greifen, eigene Texte verfassen und sie später vor versammelter Mannschaft vortragen. Wem nichts einfällt, hilft Borke mit seinem Sack der Grausamkeiten auf die Sprünge. Kreativität ist gefragt, sowohl beim Schreiben als auch bei der anschließenden Performance der Texte. Marius Platzer zieht aus dem Sack einen Beutel Lavendel, sein Mitschüler Sebastian Pestly ein Stückchen Stacheldraht. „Nun macht euch mal Gedanken", sagt Borke und grinst ebenso hämisch wie der Rest der Klasse. Spaß machen sollen die Workshops, und auch „das Rückgrat mit sprachlichen Mitteln stärken", sagt der Stuttgarter Timo Brunke, Organisator des „8. German international Poetry Slam", der vom 29. Oktober bis l. November am Theaterhaus ausgetragen wird. Die Nachwuchstalente müssen allerdings früher an den Start: „Am 28. September findet ein Qyalifikationsslam im Theaterhaus statt, die besten zwölf kommen weiter", erklärt Brunke. 85 Prozent der Teilnehmer versuchen die Organisatoren zurzeit in Stuttgart zu gewinnen, der Rest soll aus ganz Deutschland kommen.

Die Slammerszene, die den Nachwuchs mit Hilfe der Robert-Bosch-Stiftung sowie der Tübinger Stiftung Kunst und Recht fördern will, hofft auf einen Dominoeffekt. „Der Slamgedanke soll noch weitere Kreise ziehen als bisher", wünscht sich Brunke.
Am Solitude-Gymnasium ist die Botschaft derweil angekommen. Die Schüler üben sich als verspielte Wortverdreher, als kritische Texter, als komische Geschichtenerzähler. Alles sei erlaubt, bestärkt Tobias Borke die Zehntklässler, nur langweilig dürfe es nicht sein. Und so besingt Agnes Reiche! in Versform ihren Tanzkurs, während Michael Wolf den Sinn der Schulfächer ergründet, die er am wenigsten mag. Sebastian Nensel übt sich derweil in Pragmatismus. Sein Thema ist die Fußball-Europameisterschaft. Ob er sein Werk anschließend auch vor seinen Mitschülern vortragen will, weiß der 17-jährige noch nicht genau: „Mal schauen, ob sich die anderen auch trauen."

Weitere Informationen unter

www.slam2004.de
Anmeldungen für den Qualifikationsslam bei
tanja.schulz@slam2004.de


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